Crossmedialität beim BR

Crossmedialität beim BR

Das Dossier des Bayerischen Rundfunks über den Siemens-AUB-Prozess ist in meinen Augen ein gutes Beispiel für crossmediale Berichterstattung. Fernseh- und Radio-Beiträge sowie Langfassungen von Fernsehinterviews stehen online, außerdem wird jeden Tag berichtet – Verwöhnprogramm für den User und Mehrwert für den Zuschauer/Hörer der klassischen Medien.

Besonders hervorzuheben sind die Dossier-Unterseiten Hintergrund AUB, Die „hauseigene Gewerkschaft“, Der Fall Feldmayer, Das System Schelsky sowie das Prozess-Tagebuch. Vorwiegend auf diesen Seiten sind die multimedialen Inhalte eingebunden.

Martin Hähnlein, Reporter im Studio Franken des Bayerischen Rundfunks und Kopf hinter dem Siemens-AUB-Dossier, hat uns einige Fragen zu seiner Arbeit beantwortet.

Offenlegung: Der Autor dieses Interviews arbeitet ebenfalls für die Online-Redaktion des Bayerischen Rundfunks in Nürnberg.

websehen: Warum gibt es ein so umfangreiches Dossier zum Siemens-AUB-Prozess auf BR-online?

Martin Hähnlein: Unser Ziel war es, das Thema in der Dimension der Affäre abzubilden. Zudem wollten wir die vielen Möglichkeiten ausschöpfen, die uns das Internet bietet. Von vornherein stand fest, dass es ein Dossier werden würde, da es sich um ein sehr komplexes Thema handelt. Wer sich für das Thema interessiert, soll auf unseren Seiten alle Informationen finden, die auch wir Journalisten haben.

w: Stichwort Crossmedia: Inwieweit sind beim Siemens-AUB-Dossier die verschiedenen Säulen des Bayerischen Rundfunks verschränkt?

M.H: Wir hatten zwei Monate vor Prozessbeginn fünf Dossierseiten mit Text und Fotos im Internet. Daraufhin haben wir für das Fernsehen produziert und währenddessen bereits Interviews für die Präsentation auf BR-online gesichtet. Die Idee dahinter: In einem zehnminütigen Interview fallen mehr spannende O-Töne als nur 20 oder 30 Sekunden. Daher haben wir längere Fassungen der Interviews online veröffentlicht. Auch mit dem Hörfunk gab es einen regen Austausch. Zum Prozessauftakt hat der Bayerische Rundfunk im Fernsehen, online und im Radio berichtet.

w: Warum haben Sie die Geschichte crossmedial umgesetzt? Für die Prozessberichterstattung würde sich Text als Darstellungsform doch besser eignen.

M.H: Solch ein Prozess spielt sich auf vielen Ebenen ab. Wir wollen dem User die Möglichkeit geben, sich multimedial in das Thema hineinzudenken. Wer sind die Protagonisten? Was sind das für Typen? Man will die Personen sehen und hören. So ein Prozess ist ein Erlebnis, für alle Beteiligten, seien es Juristen, Berichterstatter oder Zuschauer. Wir machen die Verhandlung erlebbar. Es ist ein zaghafter Versuch, den Begriff der Prozessberichterstattung vielleicht nicht neu zu definieren, aber doch anders darzustellen – mit allen Möglichkeiten des Bayerischen Rundfunks. Wir wollen darstellen, was abseits des reinen Contents passiert. Wie treten die Protagonisten auf? Zeigen sie Schuldbewusstsein? Daher gibt es auch die Prozessnotizen.
Außerdem geht es nicht mehr ohne Crossmedialität. Das hat der BR erkannt.

w: Wie oft wurde beim Bayerischen Rundfunk zuvor so gearbeitet?

M.H: Es gab schon früher Dossiers, bei denen ähnlich gearbeitet wurde. Zum Beispiel das Eisbär-Dossier (Anm. d. Red: Flocke). Die Interviews mit den Beteiligten jedoch waren eine Neuerung. Es wäre schade gewesen, das Rohmaterial einfach in eine Schublade zu legen. Wir wollten diese Interviews dem User nicht vorenthalten, im Fernsehen fehlte jedoch schlicht der Platz.
Die Gebührenzahler legen das Geld für einen Kuchen auf den Tisch, warum sollten wir ihnen nur ein paar Krümel geben? Wir können Leuten auch nicht diktieren, wann sie ihr Radio oder ihren Fernseher einschalten. Das Internet ist hier gleichermaßen aktuell und zeitlos.

w: In welchen speziellen Bereichen des Dossiers wurde crossmedial gearbeitet?

M.H: Es war klar, dass das Dossier am Tag des Prozessauftaktes sehr viel Beachtung erfahren würde. Dann würden auch Leute, die sich nicht mit dem Thema befasst hatten, auf die Verhandlung aufmerksam werden. Sie sollten an diesem Tag ein möglichst umfassendes Paket auf unseren Seiten vorfinden. Man kann auch nicht erwarten, dass jemand den ganzen Tag Radio hört oder die Nachrichten verfolgt. Daher haben wir zum Prozessauftakt sämtliche Radio- und Fernsehbeiträge auch online angeboten.

w: Warum nur zum Prozessauftakt?

M.H: Die Erfahrung zeigt, dass Auftakt und Urteil von Prozessen am spannendsten sind. Insgesamt machen wir mehr, sind für die Online-Berichterstattung zum Beispiel jeden Tag vor Ort. Wer sich zum Prozessauftakt angesprochen gefühlt hat, wird dranbleiben und wird bedient. Radio und Fernsehen schalten sich jedoch nur an wichtigen Prozesstagen ein.
Nicht zuletzt bedeutet Crossmedialität auch einen hohen Personalaufwand.

w: Welchen Vorteil hatte es, crossmedial zu arbeiten?

M.H: Je mehr Leute an einem Projekt arbeiten, desto mehr Ideen werden eingebracht. Jeder geht an das Thema anders heran, jeder hat andere Ideen, gräbt neue Interviewpartner aus oder würde das Dossier anders gestalten. Insgesamt waren von der Fernseh-, Hörfunk- und Online-Redaktion bis zu sieben Journalisten beteiligt.

w: Hat die crossmediale Arbeit im Endeffekt Zeit gespart oder vielleicht sogar einen Mehraufwand bedeutet?

M.H: Es war natürlich mehr Aufwand, aber ohne Fleiß kein Preis. Es haben sich unterschiedliche Leute mit unterschiedlichen Medien im Hintergrund ausgetauscht. Die verschiedene Herangehensweisen waren spannend für mich und sind hoffentlich wertvoll für den User.

w: Welche Probleme sind durch die Crossmedialität aufgetaucht?

M.H: Zum einen hat die Umsetzung mehr Zeit gekostet als gedacht. Vor allem der Austausch mit den Kollegen dauert. Wenn jeder seinen Teil beisteuert, geht das nicht in fünf Minuten. Die größte Schwierigkeit für mich war, dass ich zwar eine konkrete Vorstellung über den Inhalt des Dossiers hatte, nicht aber über die Gestaltung. Hier haben mir Kollegen geholfen zu strukturieren und den Content online bestmöglich zu präsentieren.

w: Wie wird das Dossier nun fortgeschrieben und vor allem: Wird es weiterhin crossmedial umgesetzt?

M.H: Natürlich wird es weitergehen. Rein online berichten wir von jedem Verhandlungstag mit neuen Texten und Fotos. Crossmedial wird es, wenn sich die Themen für Radio und Fernsehen eignen. Es ist beispielsweise sehr viel anschaulicher, im Fernsehen über die Millionenzahlungen Schelskys an die Handballdamen des 1. FC Nürnberg zu berichten als über die Aussagen von Steuerfahndern. Wo sich solche Ansatzpunkte ergeben, wird es gemacht, außerdem natürlich wieder zur Urteilsverkündung.
So bieten wir ein Gesamtpaket, das zu leisten wahrscheinlich nur ein öffentlich-rechtlicher Sender imstande ist. Wir haben alle Medien im Haus und können sie im Internet zusammenbringen.

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