Videoblog gegen Vorurteile
Ach Israel. Shimon Stein, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland, klagte jüngst in der ZEIT über das abgekühlte Verhältnis der Deutschen zu seinem Land. Zum 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels gelten Nahost-Themen im TV oft als Abschalter – das Netz kann das besser. Im Videoblog „Real Time Players“ auf ZDF.de zeigen sich deutsche und israelische Jugendliche per Video ihre Heimat - kontroverse Kommentare vorprogrammiert.
Die „Players“ sind zehn Jugendliche aus Deutschland und Israel, die mit Consumer Kameras in der Hand aus ihrem Leben erzählen. Was derzeit im Netz zu sehen ist, wirkt auf den ersten Klick wie ein vorsichtiges Herantasten: „Typisch Israeli, typisch Deutsch?“ heißen die ersten drei Posts – klingt nach Schulaufsatz. Trotzdem lohnt es sich, die Videos zu sehen. Die Mischung trägt jede Menge Diskussionsstoff.
Da ist das Assoziationsspiel vom Israeli Yonathan, der seine Freunde fragt, was ihnen zum Wort „German“ einfällt – den meisten hauptsächlich „Nazis“. Da ist aber auch der Post vom israelischen Araber Asaad, der die krassen Unterschiede zwischen jüdischem und arabischem Lifestyle in Tel Aviv zeigt. Die armen Araber, denkt man, und sieht dann aber Shais Clip über Einschläge palästinensischer Raketen in Sderot. Kontrovers, meinungslastig, polythematisch – wenn auch die Brötchenschmier-Videos der deutschen Blogger deutlich vorsichtiger sind. Aber auch darin steckt ein Statement.
Und die User? Die Kommentare quellen noch nicht über, aber es wird schon fleißig inhaltlich diskutiert: unter anderem über den Sinn jüdischer Schulen und das mangelnde Wissen israelischer Jugendlicher über das heutige Deutschland. Manchmal zuckt man zusammen. Dann zum Beispiel, wenn jemand unter dem Namen Jens Müller es schafft, in zwei kurzen Sätzen die NS-Zeit zu verharmlosen, den Zweiten Weltkrieg mit den Kriegen Israels auf eine Stufe zu stellen und das Schicksal der Araber mit dem Holocaust. Es zeugt vom Mut der Blog-Betreiber, solche Beiträge im Netz zu lassen. Zur eigenen Entspannung liest man in den Kommentaren danach Lob für das Projekt und über persönliche Erfahrungen mit der deutsch-jüdischen Verständigung, den Israel-Reisebericht des Deutschlehrers überspringt man aber dennoch.
Schön ist, dass die Blogautoren in den Kommentaren mitreden – kein fire and forget. Vieles ist angeschnitten, die ersten Kontroversen sind da. Wenn die Real Time Players weiter so posten, kann man nur hoffen, dass es die spannenden Themen auch in der User-Diskussion aufgegriffen werden. Weder zu viele Deutschlehrer noch ignorante Verharmloser wünscht man dem Blog, dann kann es richtig spannend werden. Schade nur, dass die User keine eigenen Videos posten können – dann wäre es ganz feines Web 2.0.
Der Artikel wurde von neu-webseher Malte Borowiack geschrieben - er ist Freier Mitarbeiter beim ZDF.




na israel aus der historischen sicht betrachtet ist außer frage ein abschalter-thema. und der israel-palästina-konflikt interessiert wohl auch kaum einen deutschen - überhaupt irgend jemanden?
nichtsdestotrotz ist aber israel ein verdammt westliches land und ein sehr pulsierendes obendrein. man lese oder schaue sich beispielsweise nur mal “liebesleben” von zeruya shalev an. also für mich ist israel bzw. sind die großen städte dort eigentlich vor allem aufgeschlossen, kulturell exotisch und irgendwie auch hip. israel, das heißt: cocktails, wlan und orientsonne.
zweifelsohne verdränge ich die bomben, die raketen und die selbstmordattentäter, genauso wie die israelis. aber diese tragödien gehören in diesem land dazu. es ist für die autofahrer in jerusalem zum beispiel normal sich die hand vor augen zu halten, wenn sie an einer ampel neben einem bus stehen - um ihre augen zu schützen, wenn der bus explodiert. diese geste ist ein automatismus, doch den liberalen geist dieser menschen kann er nicht stören.
trailer zu liebesleben
siehe auch: zeruya shalve - ich habe einen traum (die zeit)
schade, dass man keine youtube videos einbinden kann. hier der link zum trailer: http://www.youtube.com/watch?v=weL02KG86YY