Analyse von 109 Websites von deutschen Tageszeitungen

Nicht nur Fernsehsender rüsten ihre Websites mit eigenen Bewegtbildern auf. In einer Zeit, in der jeder im Internet zum Sender werden kann, stellen auch Tageszeitungen Videos auf ihren Websites zur Verfügung. Wie das in Deutschland genau umgesetzt wird, hat websehen 109 Websites deutscher Tageszeitungen auf ihr Videoangebot geprüft.

Web-Videos sind eine Chance, im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der User mitzuhalten, die Marke der eigenen Zeitung auch durch Videoformate zu profilieren, lokale Themen filmisch umzusetzen und auf dem gerade neu entstehenden Video-Werbemarkt mitzumischen. Gerade für das bewegtbildlose Printmedium ist das eine neue Herausforderung, die deutsche Tageszeitungen auf unterschiedliche Art und Weise lösen.

Die Einträge des Wiki von Alexander Svensson dienten bei der Analyse als Vorlage.

In dem Wiki wurden „Features von Zeitungs-Websites in Deutschland” auf ihre Web-2.0-Elemente untersucht. Die Evaluation, die hier vorgenommen wurde, war allgemein gehalten und bezog sich auf 101 Tageszeitungen. Bei der Erhebung von Videointegration auf der Website wurde lediglich auf die Unterscheidung von „Video vorhanden“ oder „Nicht vorhanden“ eingegangen. Weitere acht Tageszeitungen, auf die ich bei der Recherche gestoßen bin und durch ihr Videoangebot aufgefallen sind, wurden noch ergänzt. Um eine detaillierte Analyse vorzunehmen, wurden die Websites erneut auf ihr Videoangebot untersucht und diejenigen, die Videoangebote vorweisen konnten, nach folgenden Kriterien weiter analysiert:

• Quelle der Video-Inhalte
• Video-Player-Format
• Navigation zum Videoportal
• Navigation im Videoportal
• Wie werden Videos in Artikel integriert?
• Wie viele Videos werden täglich online gestellt?
• Thematik und sonstige Auffälligkeiten

Ergebnisse:

Video-Angebot:
Bei 52 von 109 untersuchten Tageszeitungen in Deutschland werden Videos auf der zur Zeitung gehörenden Website integriert. Im Vergleich zur letzten Evaluation durch „Wortfeld Wiki“ im August 2006 haben in der Zwischenzeit zehn Tageszeitungen ihre Website mit Videoinhalten neu aufgerüstet, plus die acht neu gefundenen.

Video-Format:

Websehen-Grafik
Websehen-Grafik: Quellen der Videos

78 Prozent der Tageszeitungen mit Videos auf der Website benutzen zur Darstellung den Windows Media Player, 40 Prozent den Flashplayer und zwei Prozent greifen auf den Real Player zurück. Die hohe Nutzung des Windows-Media-Players lässt sich durch die auffällig hohe Integration von ZoomIn Agentur-Videos erklären (bei 36 von 52 Websites). ZoomIn ist ein europäischer Videonachrichtendienst, der mittlerweile in den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland aktiv ist. ZoomIn produziert täglich circa 150 Nachrichtenvideos in acht Sprachen aus den Rubriken Inland, Ausland, Börse, Sport, Film, Besonderes, Trends und Unterhaltung. Die Videos können durch Bildteaser auf der eigenen Website integriert werden, werden aber letztendlich auf dem externen Portal von ZoomIn abgespielt. ZoomIn bietet dabei nur Videos im wmv (windows media video) Format an. Die Leistung der Agentur ist deshalb so attraktiv, da sie für die Redaktionen kostenlos und einfach anwendbar ist. ZoomIn agiert als Medienpartner und finanziert sich über integrierte Werbung in den Videoclips. Die Website der Tageszeitung dient nur als Plattform. Die Inhalte der Videos sind zudem rein überregional und orientieren sich auch vermehrt an Boulevardthemen. Eigene Produktionen, die zumeist lokalen Bezug vorweisen, findet man bei 23 von 52 Websites mit Videoangebot.

Anzahl der täglich online gestellten Videos:

Websehen-Grafik
Websehen-Grafik: Anzahl der täglich online gestellten Videos

Inhaltliche Bemerkungen:
Fast die Hälfte der deutschen Tageszeitungen bieten Videos auf ihrer Website an, ein erfreuliches Ergebnis, wenn man bedenkt, dass wiederum die Hälfte davon auch selbst eigene Formate kreieren, statt auf Videos von der Stange einer Agentur zurückzugreifen. Denn genau diese eigenen Produktionen, die meist lokalen Bezug haben, sind die Videos die laut Videoredakteur Matthias Adelmund auch Potential im Internet haben.

Überregionale Videos von einer Agentur auf einer Tageszeitungs-Website einzubinden ist zwar ein nettes Tool, aber nicht unbedingt sinnvoll. Denn sie sind zu sehr überregional ausgerichtet. Das können die Leute auch auf Spiegel Online lesen und sehen oder abends in der Tageschau.

Den Trumpf den gerade die kleineren Blätter haben, ist die lokale Berichterstattung. Allerdings: Verwackelte Bilder, schlecht geschnittene Sequenzen, miserabler Ton oder uninteressante Themen sind oft gesehenen Probleme bei Eigenproduktionen, da die als Printjournalisten ausgebildeten Redakteure oft noch nicht das Know-How für Videoproduktion mitbringen. Aus Kosten- und Personalgründen verwenden viele Zeitungen stattdessen Material von Agenturen um trotzdem irgendwie bei dem Trend Videos im Internet mitzumachen.

Ein weiteres großes Manko ist, dass bei beiden Arten von Inhalten, ob selbst produziert oder durch einen externen Anbieter, die Integration der Videos. Bei der Analyse ist deutlich geworden, dass wenn Videos eingesetzt werden, diese wie Fremdkörper der Seite behandelt werden. Sie werden nicht thematisch zu Artikeln zugeordnet und integriert, damit ein Mehrwert für den Nutzer entsteht, sondern meist in einem externen System aufgelistet. Die Navigation zu diesem Videoportal verläuft in den meisten Fällen über einen Punkt „Video“ in der Navigationsleiste und dann systematisch angeordnet nach Datum und Kategorien. Eine Verzahnung mit dem Content in dazugehörige Artikel wird oft nicht gewährleistet. Das Video und Texte zu einem Thema parallel angeboten werden, fällt nur durch separates Klicken im Video- als auch Textangebot auf. Erst vereinzelt wird auf der Startseite, in Teasern oder durch Videosymbole auf das Videoportal der Seite aufmerksam gemacht. Auffällig: Bei Tageszeitungen, die eigene Videos produzieren ist dies besser gewährleistet. Man legt scheinbar mehr Wert darauf, dass die produzierten Inhalte gefunden werden. Das kann auch daran liegen, dass bei eigenen Produktionen gleichzeitig ein Artikel über das Thema des Videos vorliegt, was bei Themen von überregionalen Agenturen oft nicht der Fall ist.

Videos mit Lokalbezug:
Dass lokale Videos boomen und gerade hier das Hauptaugenmerk gesetzt werden sollte, belegt auch eine Studie der sächsischen Landesmedienanstalt. Sie hat ergeben, dass Fernsehsender mit Lokalbezug nicht nur immer höhere technische Reichweiten erreichen, sondern auch bei Zuschauern zunehmend an Zuspruch gewinnen. Den Daten zufolge erhöhte sich die Zahl der potentiellen Nutzer, die in Sachsen regionale Fernsehprogramme kennen und auch empfangen können - gegenüber dem Vorjahr um 162.600 auf 1.803.400 bei Personen ab 14 Jahren.

Weiterlesen:
Interview mit Matthias Adelmund, Videoredakteur der Ostfriesischen Nachrichten
Interview mit Barbara Bitzl, Online-Redakteurin bei der Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen Zeitung

Bei Interesse kann auch die detaillierte Tabelle der Untersuchung per Mail verschickt werden.
EDIT: Sie darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Urhebers weiterverwendet werden.

22 Kommentare bei “Analyse von 109 Websites von deutschen Tageszeitungen”

  1. Hallo Julia,

    sehr schöne Analyse. Ich fände es noch interessant, wenn Du Aussagen darüber machen könntest was für Formate eingesetzt werden. Wird die klassische Fernsehnachricht 1:1 ins Internet übernommen oder weichen z.B. gerade die Eigenproduktionen davon ab und entwickeln einen eigenen Stil?

    Ach ja könntest du mir bitte die Details per Mail schicken würde sie mir gern mal ansehen? Danke!

    Gruß bertram

  2. Ein prima Beitrag, der wirklich nützlich ist, wenn man sich im Internet bewegt und für Video-Nachrichten interessiert. Man merkt, dass da eine Menge Arbeit drinsteckt, denn es ist sicherlich nicht immer einfach manches Angebot genau zu bewerten, ganz abgesehen davon, dass 109 Tageszeitungen eine Riesenmenge sind.

    Ich denke, das sollte sich so mancher Verantwortliche - besonders von lokalen Blättern, aber natürlich auch alle anderen - mal genauer durchlesen und dann entscheiden, dass es Videos auf der eigenen Website braucht. Vielleicht hilfts ja ein bisschen …

    Ich persönlich würde mir wünschen, wenn du so eine Studie öfters machst, vielleicht alle sechs Monate. Dann könnte man prima erkennen, wie sich das entwickelt hat. Aber ich weiß auch, dass das eine Menge arbeit ist, aber viele würden es sicherlich sehr gerne lesen.

  3. Ich freue mich über das Feedback!! Dankeschön!

    @ Bertram: so bald es die Zeit wieder zu lässt, führe ich die Punkte gerne noch weiter aus und schicke dir auch baldmöglichst die Details zu.

  4. super interessant. die wiki einträge scheinen mir nicht gerade up-to-date, aber wie ich dich verstanden habe, hast du dir die seiten noch einmal selbst angeschaut.

    aussagen über die inhalte/ genre fände ich auch super interessant und wer sich alles an ugc traut. ist eigentlich schon eine tageszeitung bekannt, die sich an das thema webtv traut (+ international best-practice/ benchmark).

    super gerne hätte ich auch die Details per Mail. vielen dank!

  5. möchte gerne mehr wissen, deshalb bitte auch die Daten per Mail an mich

    dank und gruss

    PS: hoffe du führst dein Blog weiter, würde nur zugern deine DA lesen;-)

  6. Nach deiner Berechnung ist Reuters mit 6? beträchtlich hinter ZoomIn. Dies sollte man jedoch relativieren, wenn man bedenkt, dass diese 6 wahrscheinlich den Grossteil aller Videoabrufe ausmachen würden. Spontan würde ich auf die grossen überregionalen Angebote von Spiegel, Focus, Bild, Welt, SZ und Faz tippem. Der Rest arbeitet wohl eher (klein und) regional und ist daher gezwungen ZoomIn zunutzen?
    Behaupte jetzt einfach mal, Reuters hat gegenüber ZoomIn mind. die doppelte Reichweite! Gerne würde ich eines besseren belehrt werden, zB in Form deiner genauen Ergebnisse!?

  7. Hallo Julia,

    ich kann mich den anderen nur anschließen. Eine spannende Analyse und auch ich würde gerne weiterführend belehrt werden und die Daten geschickt bekommen.

    Weiter so…
    Viele Grüße
    Ute

  8. Hi Julia,

    könntest Du mir die detaillierten Ergebnisse schicken? Schreibe ebenfalls an einer Diplomarbeit über Videos auf Nachrichtenseiten.

    ciao und vielen Dank, David

  9. Hallo, auch ich würde mich freuen wenn ich weitere Informationen zu dem Thema per Mail bekommen könnte.

    vielen Dank

  10. Hallo liebe Julia,
    die Ergebnisse finde ich sehr spannend. Wäre es möglich weitere Ergebnisse zu erhalten?
    Viele Grüße.

  11. Sehr interessant!! Kann ich bitte die komplette Liste bekommen??
    Danke

  12. […] Analyse von 109 Websites von deutschen Tageszeitungen (websehen.net) Nicht nur Fernsehsender rüsten ihre Websites mit eigenen Bewegtbildern auf. In einer Zeit, in der jeder im Internet zum Sender werden kann, stellen auch Tageszeitungen Videos auf ihren Websites zur Verfügung. Gerade für das bewegtbildlose Printmedium ist das eine neue Herausforderung, die deutsche Tageszeitungen auf unterschiedliche Art und Weise lösen. Um zu untersuchen, wie das in Deutschland genau umgesetzt wird, wurden 109 Websites von deutschen Tageszeitungen auf ihr Videoangebot geprüft. […]

  13. […] hat im Rahmen ihrer Diplomarbeit die Internetseiten von 109 Tageszeitungen auf ihr Videoangebot geprüft. Herausgekommen sind 52 Seiten, die Videos anbieten. Interessant ist, dass das WMV-Format […]

  14. […] kürzer: Die SZ über professionelles Bloggen, Analyse von 109 Websites von deutschen Tageszeitungen, Mexikanische Zeitung nach Attentaten eingestellt und (zur Überschrift): Niederländische […]

  15. […] Websehen. Julia Schmid hat im Rahmen ihrer Diplomarbeit das Videoangebot von 109 Tageszeitungen analysiert. […]

  16. […] hat Julia Schmid gemacht, die in Darmstadt Onlinejournalismus […]

  17. […] websehen:”Nicht nur Fernsehsender rüsten ihre Websites mit eigenen Bewegtbildern auf. In einer Zeit, in der jeder im Internet zum Sender werden kann, stellen auch Tageszeitungen Videos auf ihren Websites zur Verfügung.” […]

  18. […] Schmid hat auf websehen.net 109 Zeitungs-Websites auf ihr Videoangebot […]

  19. […] Spiegel hat sie und die Bild natürlich auch, genauso wie Focus, Tagesspiegel und 52 weitere Zeitung-Webseiten: Nachrichten im Videoformat sind von diesen Seiten nicht mehr wegzudenken. Aufgrund von YouTube, […]

  20. […] http://www.websehen.net/2007/05/29/analyse-von-109-websites-von-deutschen-tageszeitungen/   « vorheriger Beitrag | Häuserfronten in 16:9 bauen? » […]

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