Websehen gegen Fernsehen

Fernsehbeiträge eins zu eins ins Internet zu stellen zählt zwar im weitesten Sinn auch zum “Websehen”, ist aber nicht unbedingt die beste Lösung online mit Videos umzugehen. “Nur weil etwas im Fernsehen funktioniert, heißt das noch lange nicht, dass es auch online gut läuft.” so Mark Whitaker von der Washington Post. Das Web bietet mehr Möglichkeiten als nur das lineare Abspielen eines Videos. Wenn man für das Internet journalistische Videos produziert, gilt es umzudenken, da sich das Nutzungsverhalten von Fernsehzuschauern und Internetnutzern grundlegend unterscheidet.

Bei einem Fernsehzuschauer auf der heimischen Couch spricht man von einer “lean-back” Haltung, die auch “leisure viewing” genannt wird (vgl. Meier 2002, Seite 135). Sie definiert sich durch die passive Nutzung des Zuschauers. Er konsumiert passiv das gezeigte Programm ohne darauf aktiv Einfluss zu nehmen. Das Umschalten von verschiedenen Kanälen sei dabei ausgeklammert. Ein User hingegen sitzt meist direkt vor seinem Computerbildschirm und hat aktiv die Maus in der Hand. Hier dominiert das “active viewing” das auch als “lean forward” - Haltung bezeichnet wird. Der User will nicht nur an seinem Bildschirm passiv konsumieren, er will aktiv gestalten und daher sollte man ihm auch diese Möglichkeiten bei Online-Videos einräumen.

“Man kann nicht einfach etwas nehmen und woanders abspielen. Genau das hat das Fernsehen seit Jahren getan. Sie nahmen eine Sendung und kürzten sie auf drei Minuten. Aber niemand schaut sowas. Denn es ist schlecht gedreht, falsch geschnitten und sieht grauenhaft aus.” Miles Beckett, Erfinder Lonely Girl 15, Auszug aus NDR Bericht

Unterschiede in der Produktion

Videos fürs Web sollten anders produziert und geschnitten werden. Schwenks, Zooms und große Totalen verlieren deutlich an Qualität, sobald man sie nicht mehr auf dem großen Fernsehbildschirm sieht, sondern auf in der Regel noch kleinen Online-Videoplayern auf dem Computerbildschirm (vgl. Schnedler, 2006). Nahaufnahmen sollte man raumerklärenden Kameraschwenks vorziehen und auf detaillierte Grafiken am besten ganz verzichten. Ein weiterer Aspekt ist die Länge der Video-Beiträge online, die sich gerade wegen der „lean-forward“ Haltung des Users erheblich von der des Fernsehzuschauers unterscheidet.

Die Länge der Beiträge

Bertram Gugel fand in einer Analyse auf seinem Weblog “Digitaler Film” Folgendes zur beliebtesten Länge von Online-Videos heraus:

„Eine Untersuchung der Top-Videos von verschiedenen deutschen Hostern hat gezeigt, dass die durchschnittliche Dauer der Videos unter zwei Minuten liegt. Nimmt man diese zwei Minuten als Grundlage werden pro Tag 36 Millionen Minuten Internetvideos in Deutschland gesehen. (…) Durchschnittlich sieht der deutsche Internetnutzer also eine Minute Video pro Tag im Netz. Damit liegt Deutschland weit hinter den USA wo täglich ca. fünf Minuten Internetvideos betrachtet werden. Zum Vergleich kann man diese Zahlen in Relation zum täglichen Fernsehkonsum setzen. Der Deutsche sah 2006 212 Minuten pro Tag fern.“

Matthias Adelmund ist Leiter der Videoredaktion der Ostfriesischen Nachrichten und unterstützt im Interview diese Aussage: „Wichtig ist bei Online Videonachrichten, dass man sich möglichst kurz fasst. Das liegt einerseits an der Technik, die den Menschen zur Verfügung steht. Es gibt ja immer noch Menschen mit ISDN oder Modem und wenn ein Video dann eine bestimmte Größe übersteigt, dann wird es schwierig für sie die Videos anzusehen. Gerade im ländlichen Bereich erlebt man das noch oft.“ Er schlägt daher einen Richtwert von zwischen 90 und 120 Sekunden vor.

Im Gegensatz dazu setzten die Produzenten des online Stand-Up Reportage-Formats “Buschka entdeckt Deutschland” bewusst auf konträre Längen als das bei gewöhnlichen Internet-Clips üblich ist. Ihre Folgen, die man unter anderem auf dem Videoportal Sevenload.de anschauen kann, sind insgesamt zwischen 20 und 30 Minuten lang. Ihr Argument: Qualität braucht ihre Zeit, gerade bei Dokumentationen. Dem „lean forward“ Verhalten des Users wird man trotzdem gerecht, da er bei Online-Videos die Möglichkeit hat, vorzuspulen.

Barbara Bitzl, Online-Redakteurin der Hessisch-Niedersächsischen-Allgemeinen-Zeitung (HNA), widerlegt hingegen diese These. Die HNA-Nachrichten haben für ihr Videoportal ein Analyse-Tool eingesetzt, um die Verweildauer der User auf dem eigenen Videoangebot zu untersuchen. Die Auswertung ergab, dass die User maximal drei Minuten bei einem Video verweilten und dann weiterklickten.

Fazit

Prinzipiell sind kurze Videos (Richtwert maximal fünf Minuten) daher längeren vorzuziehen. Dennoch sollte man nicht darauf verzichten, auch längere Videostreams live oder als Download als Zusatzoption anzubieten. Optional dazu ist ein kurzer Zusammenschnitt der wichtigsten Szenen. Fritz Raff, Intendant des SR, möchte den Vorteil der Kürze der Videos neben kurzen Nachrichtenblöcken auch als Appetizer für die Programme im Fernsehen nutzen: „Zum Beispiel Service-Beiträge aus Plusminus, Ausschnitte aus Reportagen oder einen spannenden Vorgeschmack auf den Tatort am Sonntagabend. Überspitzt formuliert könnte man diese Formate „Content-Snacks“ nennen.” (vgl. Schnedler, 2006). ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender fasst in diesem Kontext zusammen: „Kürze ist für sich genommen nicht Schlechtes. Aber auch sie verlangt nach Qualität, Vollständigkeit und Seriosität.” (vgl. Schnedler 2006)

Mehr dazu auf websehen.net:
• 02. März 2007, Der NDR über Websehen
• 22. April 2007, Barcamp Frankfurt - Das Websehen Resumee
• 10. Mai 2007, Zum Mitnehmen bitte: ARD Programm für Handy und online
• 08. Mai 2007, Videos bei Lokalzeitungen – Interview mit den ON
• 23. Mai 2007, Videos bei Lokalzeitungen – Interview mit der HNA

Quellen:
Meier, Klaus (Hrsg.) (2002): Internet-Journalismus. 3. überarbeitete und erweiterte Auflage. Konstanz: UVK.
Schnedler, Thomas (2006): Die Content-Falle, Journalismus in der digitalen Medien-welt, Dokumentation zum 11. Mainzer Mediensdisput 2006, als pdf unter URL: http://www.netzwerkrecherche.de/docs/digitalstudie.pdf

2 Kommentare bei “Websehen gegen Fernsehen”

  1. Ich denke, viele Fernsehsender stellen TV-Beiträge einfach so ins Internet, um erstmal dabei zu sein in Sachen “Websehen”. Sie haben keine Erfahrung und die (personellen) Strukturen, wie man das besser machen kann, wollen aber auch nicht verzichten. Wie der Text sehr schön erläutert, kann das aber nicht die Zukunft sein und ich hoffe, das erkennen die (journalistischen) Anbieter und gehen davon ab, TV-Material eins zu eins ins Netz zu stellen.

  2. […] “Fernsehbeiträge eins zu eins ins Internet zu stellen zählt zwar im weitesten Sinn auch zum “Webs…. Das Web bietet mehr Möglichkeiten als nur das lineare Abspielen eines Videos. Wenn man für das […]

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