Videos bei Lokalzeitungen - Interview mit der HNA
Bisher setzte die Website der Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen Tageszeitung (HNA) auf überregionale Videos der Agentur ZoomIn. Seit Mitte Februar greift die Online-Redaktion selbst zum DV-Camcorder und produziert dreimal täglich die „Breaking News“ aus der Region. Learning-by-doing ist die Devise der Online-Redakteure, die alle bislang noch keine professionelle Ausbildung in der Videoproduktion absolviert haben, aber dennoch ein beachtliches Angebot auf die Beine stellen. Im Interview erzählt Online-Redakteurin Barbara Bitzl über Herausforderung, Erfahrung und Erfolg der Online-Video-Berichterstattung bei der HNA.
Was findet der User an selbstproduzierten Videoclips auf der HNA-Website?
Ein bunt gemischtes Angebot, da wir noch alles ausprobieren. Konstant sind unsere Nachrichtensendungen, dreimal am Tag, Montag bis Freitag. Dann gibt es Interviews, wenn Politiker oder Sportler kommen oder aus dem Bereich der Kultur. Wir decken eigentlich alle Bereiche ab, die wir auch mit der Zeitung abdecken. Beiträge in Form von Interviews gibt es in erster Linie aus der Politik und vom Sport, aus dem Lokalen dann eher Stimmungsbilder. Zusätzlich gibt es Videos mit Impressionen aus der Region. Die haben meist keinen Informationswert im eigentlichen Sinn, sondern sind einfach nur schön anzusehen, wie zum Beispiel schöne Frühlingsbilder. Klar versuchen wir aber auch hier Informationen in den Off-Text zu packen. Wir bieten zusätzlich auch Sachen wie wöchentliche Tierheim-Kolumnen an: Tiere suchen ein zu Hause. Außerdem gibt es Formate wie Messe-TV. Wir haben dort gedreht und produziert und von dort auch ins Netz gestellt.
Wie ist die Video-Redaktion der HNA aufgebaut?
Es gibt prinzipiell keine echte Video-Redaktion. In der Online-Redaktion sind wir vier Redakteure und in der Regel ein bis zwei Volontäre. Die Videoproduktion ist dabei Teil der Arbeit der Online-Redaktion.
Gab es eine spezielle Ausbildung für die Redakteure?
Wir hatten am Anfang jemanden, der uns beraten und eine kurze Einführung in die Videoproduktion gegeben hat. Eine richtige Videoausbildung hat allerdings keiner von uns. Es ist sozusagen „Learning by doing“. Wir sprechen auch unsere Off-Texte selbst auf, obwohl keiner eine Sprecherausbildung. Wir sind dabei unser eigener Maßstab.
Warum braucht die HNA selbstproduzierte Videos auf ihrer Seite?
Es ist eine Idee, die einfach so entstanden ist. Wir haben uns nicht an bestimmten anderen Formaten im Internet orientiert. Wir haben hier eine Sendung im Offenen Kanal - Alzus TV. Dadurch kam die Idee, man könnte die ja auch online anbieten und sie mit Videonachrichten ergänzen. Der Offene Kanal wird schließlich nicht von so vielen Leuten gesehen. Es sind knapp 18.000 Leute in Kassel und Umgebung. Online kann man vielleicht mehr Leute erreichen.
Was sind die Qualitätsansprüche an Ihre Videos? Wie lang sind Ihre Beiträge im Durchschnitt?
Qualitativ hochwertig heißt bei uns, es muss ein gutes Bild sein - nichts Verwackeltes à la YouTube. Die Bilder müssen professionell sein. Ein guter Ton macht ganz viel aus. Der Beitrag darf auch nicht zu lang sein. Es gibt immer wieder Ausreißer, aber unsere Obergrenze ist drei Minuten. Man kennt es ja von sich selbst, wenn man im Netz fernsieht, dass man da eine geringere Verweildauer hat als am Fernseher. Das liegt schon an der Bildschirmgröße und an der Auflösung. Wir haben außerdem ein Analysetool und können damit feststellen, wie lange die Leute auf den Beiträgen verweilen. Wir haben festgestellt, dass drei Minuten das höchste der Gefühle ist. Die User steigen nach dieser Zeit aus. Wir wissen natürlich nicht, warum sie aussteigen. Es könnte auch sein, dass unsere Beiträge nicht gut genug sind, wovon ich natürlich nicht ausgehe. Man kennt es ja auch von den eigenen Sehgewohnheiten, wenn man Videos bei YouTube oder Spiegel-Online anschaut, wird das schnell langweilig.
Im Internet kann man Videobeiträge aber zum Beispiel einfach vorspulen, was wiederum für unbegrenzte Länge spricht.
Mit dem Vorspulen ist das so eine Sache. Die Leute wissen ja nicht, was sie erwartet. Sie wissen ja nicht, ob der interessante Part jetzt am Schluss kommt. Ich spule einen Film, den ich nicht kenne, nicht vor. Denn man weiß ja nicht, ob einem die essentiell wichtigen Dinge so entgehen.
Sie bieten Ihre eigenen Videos zum Abruf auf Ihrem Redaktion-Weblog an. Das Angebot ist damit räumlich als auch inhaltlich von dem der Videos von der Agentur ZoomIn getrennt. Weshalb ist das so?
Das hat keinen tieferen philosophischen Hintergrund, sondern eher einen technischen. Mit den ZoomIn-Videos haben wir unser Video-Angebot gestartet. ZoomIn-Videos kann man relativ leicht einbinden, das klappt so leicht nicht mit unseren eigenen Videos. Wir suchen noch nach der optimalen Lösung, das ist unser Blog noch nicht. Besser wäre eine Videoübersicht-Seite, wie sie das ZoomIn-Angebot bietet. Das ist technisch bislang noch nicht möglich. Optimal wäre ein Überblick nach allen Themen geordnet, bei dem wir unser regionales Angebot entsprechend hervorheben können.
Was sagt die Statistik? Wie viele Zugriffe gibt es auf das Videoportal der HNA?
Die Übersichtsseite der HNA wird am häufigsten aufgerufen, danach kommt „Lokales Kassel“ und danach kommt schon das Videoangebot. Im März hatten wir hier 3,8 Millionen Page Impressions und 500.000 Visits. Die Zugriffszahlen auf unser Blog, auf dem wir die eigenen Videos publizieren, haben sich seitdem wir im März Videos einbinden, in kürzester Zeit verdreifacht. Sie sind anfangs von 5.000 Klicks auf 15.000 hoch.
Welche Formate werden am meisten geschaut?
Am allerliebsten werden „Sex and Crime“-Themen gesehen. Was auch sehr gut geht, sind Sportler-Interviews. Wir hatten eine zeitlang von einem regionalen Zulieferer Videos zugekauft, da waren Videos von Unfällen dabei. Das geht auch immer. Wenn es irgendwo scheppert, das gucken die Leute einfach.
Noch gibt es sehr wenige Verknüpfungen der Videos mit Texten Ihrer Website. Was sind die Gründe hierfür?
Das Videoportal ist einfach ein zusätzliches Angebot, aber nicht in dem Sinn, was wir nicht mit Text beschreiben können, beschreiben wir im Film, sondern einfach ein zusätzliches Angebot. Die Filme sind bei uns auch so angelegt, dass sie für sich stehen können. Sie brauchen keinen Begleittext, weil sie eigentlich alle mit Off-Text unterlegt sind. Extra-Verlinkungen von Texten und Videos sind hier nicht zwingend notwendig, da beide Elemente auch gut für sich stehen können.
Wie wird das Video-Angebot gegenfinanziert?
Bei den ZoomIn-Videos ist das ganz simpel: Man zahlt einfach gar nichts. Das ist ein Medienpartner der HNA. Die ZoomIn-Videos sind ja fast alle mit Werbung im Vorspann. Wir bieten die Plattform. Das Geld verdient ZoomIn mit integrierter Werbung in den Clips. Wir und andere Medienpartner liefern dafür quasi die Zugriffe. Unser eigenes Angebot wird noch nicht über Werbung finanziert, sondern wird von der Zeitung getragen, da das Videoangebot zum Onlineangebot dazuzählt.
Vielen Dank an Barbara Bitzl für das Interview.





Mai 29th, 2007 at 18:26
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