Videos bei Lokalzeitungen – Interview mit den ON
Abwechslungsreiche Themenwahl und professionelle Qualität – und das bei gerade einem Clip pro Tag. Videos bei den Ostfriesischen Nachrichten gehören seit über einem Jahr ins Programm der Website. Positiv stechen selbstgemachte kleine Nachrichtenstücke aus der Region hervor, die statt unpersönlicher überregionaler Agenturvideos eingesetzt werden. Der Erfolg gibt dieser Strategie recht. Mittlerweile liegt die Zugriffszahl auf die Videos bei 15.000 im Monat. Das entspricht der Gesamtauflage der Printausgabe. Verantwortlich für die Produktion ist Matthias Adelmund. Er stemmt fast im Alleingang als externer Dienstleister die Videoredaktion der ON. Ursprünglich kommt er aus der klassischen Hörfunk- und Fernsehbranche und berichtet im Interview von den Problemen, Unterschieden und Herausforderungen der Online-Videos.
Nachtrag 08.01.2008: Matthias Adelmund ist seit August 2007 nicht mehr für die Ostfriesischen Nachrichten tätig. Die Ostfriesischen Nachrichten machen seit Oktober 2007 die Videoberichterstattung in Eigenregie. Diese hat nichts mehr mit seiner früheren Arbeits- und Produktionsweise zu tun. Die Aussagen im Interview beziehen sich auf Mai 2007.
Welche Unterschiede gibt es für Sie bei der Produktion für reine Fernsehvideos im Vergleich zu Onlinebeiträgen?
Für Fernsehen liefere ich nur Rohmaterial an. Ich führe zwar auch Interviews, aber ich produziere für die ON im Vergleich komplette eigene Beiträge. Ich schneide selbst, drehe selbst. Vertone meine Bilder. Ich bin bei meiner Arbeit für die ON der klassische Videojournalist.
Gibt es für Online-Videos andere Richtlinien als für Videos die im klassischen Fernsehen laufen?
Ja. Wichtig ist bei Online Videonachrichten, dass man sich möglichst kurz fasst. Das liegt einerseits an der Technik, die den Menschen zur Verfügung steht. Es gibt ja immer noch Menschen mit ISDN oder Modem und wenn ein Video dann eine bestimmte Größe übersteigt, dann wird es schwierig für sie die Videos anzusehen. Gerade im ländlichen Bereich erlebt man das noch oft. DSL-Nutzern ist das relativ egal. Aber was ich aus meiner eigenen Online-Nutzung weiß ist, die Menschen sind ungeduldig im Internet. Man kann da nicht so lange Filme machen. Der klassische 1.30 bis 2 Minuten Beitrag, wie so ein kleiner Nachrichtenbeitrag fürs Fernsehen, ist optimal. Viel länger sollte es nicht sein. Es mag Ausnahmen geben. Wenn man zum Beispiel eine Reportage über ein Festival macht, dann mag es vielleicht einen gewissen Anteil an Rezipienten geben, die sich dann auch einen 20-minütigen Film runter laden würden, aber der überwiegende Teil denke ich, möchte eben kurz und knapp informiert werden.
Haben Sie sich beim Aufbau des Videoportals an anderen Online-Formaten orientiert?
Nein. Mein Background ist eine anderer. Ich weiß durch meine Ausbildung wie Fernsehnachrichten funktionieren. Ich habe daher den Anspruch gehabt richtige Fernsehnachrichten zu machen, quasi im kleinen Format.
Viele versuchen es online derzeit mit ebenfalls am Fernsehen orientierten moderierten Nachrichten-Zusammenfassungen des Tages. Wäre das auch etwas für die ON?
Ich finde das nicht schlecht, zum Beispiel beim Kölner Stadtanzeiger. Bei den ON ist es derzeit so, dass wir täglich eine Clip, also eine Nachricht anbieten. Wenn wir jetzt eine Sendung mit mehreren Themen machen, würde sich sowas auch anbieten. Wobei ich weiß nicht so ganz welchen Nutzen das bringt. Wenn man sich z.B. die Entwicklung im Fernsehen sieht. Vox probiert ja gerade Nachrichten aus, die nicht mehr moderiert sind. Mein Anspruch ist, dass alles sehr professionell sein soll. Und da kommt dann die Frage wer moderiert das. Kann der oder diejenige das? Wie kommt das rüber? Wie ist das mit dem zeitlichen Aufwand? Das sind so Überlegungen, die anstehen, die aber momentan so noch nicht umgesetzt werden sollen. Primär konzentrieren wir uns darauf, einen Film pro Tag anzubieten und der ist eben monothematisch.
Sie sagen es soll alles sehr professionell sein. Was sind denn ihre Qualitätskriterien, die sie an ihre Videos stellen?
Was mir wichtig ist, dass der Schnitt professionell ist und das professionell gedreht wird. Also es gibt ja bestimmte Regeln zum Beispiel für den Schnitt. Man kann nicht Kopf auf Kopf schneiden. Ein Bild soll nicht zehn Sekunden stehen bleiben, sondern drei Sekunden, dann kommt der Schnitt. Das sind einfache Regeln, die für mich wichtig sind, damit es auch professionell aussieht. Was ich eben nicht möchte sind Filme die nach Amateur- oder Hobbyjournalisten aussehen.
Aber ist es nicht so, dass man gerade im Netz mehr Authentizität fordert und Bilder auch mal verwackelt sein dürfen und sollen?
Das mag sein, aber dann sollten diese verwackelten Aufnahmen auch immer in einem bearbeiteten Rahmen von einem Journalisten präsentiert werden. Der Bürgerjournalismus in allen Ehren, ein großer Freund davon bin ich nicht. Darüber kann man einfach streiten, denn es ist auch schwierig diese Professionalität umzusetzen.
Wie finanziert die ON die Videoproduktionen?
Das Angebot wird mittlerweile komplett über Sponsoring finanziert. Die kurzen Werbclips direkt vor dem Beitrag decken alle Kosten.
Man findet das Videoangebot auf der Homepage nur über den Video-Teaser. Im online Artikel selbst wird nicht auf thematisch passende Videos verlinkt. Warum?
Das weiß ich auch nicht so recht, warum das so umgesetzt wird. In der Printausgabe gibt es immer einen kleinen Kasten, der auf ein dazu passendes Video verweist. Unsere Online Nutzer brauchen solche Verweise aber prinzipiell nicht. Wer die Site anschaut weiß eh, dass er die Videos auf dem Portal findet.
Wie schätzen sie selbst den Informationswert der Videos ein? Welchen Mehrwert bringt es im Vergleich zu den Texten ihrer Website?
Ich halte Berichterstattung durch Videos für sehr wichtig. Man kann mit bewegten Bildern viel mehr rüber bringen, als durch reine Texte. Atmosphäre schaffen, Stimmungen, Gefühle und Mimiken. In einem Text steht das Zitat nur irgendwie kommentarlos da. In einem Interview mit Video sehe ich wie eine Person reagiert, kann aus ihrer Mimik lesen.
Die meisten der deutschen Tageszeitungen setzen beim Stichwort Video-Content auf Agenturen wie ZoomIN, statt selbst etwas zu produzieren. Warum gibt es das nicht bei den ON?
Solche Angebote kommen für ON nicht in Frage. Sie sind zu sehr überregional ausgerichtet. Das können die Leute auch auf Spiegel Online lesen und sehen oder abends in der Tageschau. Der Anspruch an ON ist eben lokale Berichterstattung zu bieten.
Wie soll das Angebot weiter ausgebaut werden? Was sind die Pläne für die Zukunft? Welche Schwerpunkte sollen gelegt werden?
Wir wollen versuchen noch mehr Filme und Beiträge zu produzieren. Ich arbeite zu Zeit noch mit einem Video-Nachwuchsjournalisten zusammen und gemeinsam wollen wir bei gleich bleibender Qualität noch mehr Beiträge zu finanzieren. Angedacht ist es auch weitere Themen aufzugreifen wie Veranstaltungstipps oder Serviceangebote.
Was sagt die Statistik? Wie viele Zugriffe gibt es auf das Videoportal der ON?
Vom 26. Februar 2007 bis zum 20. April hatten wir auf das Videoportal 31.746 Zugriffe. Durchschnittlich haben wir 15.000 Klicks pro Monat. 15.000 ist gleichzeitig die tägliche Druckauflage. Also im Online-Angebot haben wir derzeit pro Monat so viele Klicks, wie die ON täglich an Lesern hat.
Grundsätzlich gilt, je länger die Nachrichten im Archiv stehen, desto öfters werden sie geklickt. Die größten Zugriffe erzeugte der Bericht über einen schweren Verkehrsunfall am 28. Februar. Hier hatten wir alleine 2.041 Zugriffe. Unfälle, Überfälle, Brände oder Katastrophen sind Themen, die immer ziehen. Oder die Themen, die man als Boulevard bezeichnet. An 9. Stelle unserer Top-Zugriffsstatistik steht zum Beispiel ein Beitrag über die Entdeckung einer Hanf-Plantage.
Noch sind es weniger als die Hälfte aller Tageszeitungen in Deutschland, die eigene produzierte Videos auf ihrer Website publizieren. Welche Gründe sehen Sie hierfür?
Es fehlt einfach an gutem Personal, das Videos umsetzen kann. Es fehlt die die Professionalität, wie man solche Nachrichten macht. Es geschieht auch in letzter Zeit häufiger, dass mich Redakteure von anderen Zeitungen anrufen und fragen, wie ich das denn so mache. Also das Interesse ist schon da, nur das Problem ist eben Videojournalisten gibt es in Deutschland noch nicht viele. Die öffentlich-rechtlichen rüsten da jetzt nach. Der Hessische Rundfunk zum Beispiel setzt seit drei Jahren sehr erfolgreich Videojournalisten ein.
Bei manchen Tageszeitungen werden die Printredakteure bei ihrer täglichen Arbeit einfach noch mit Videokameras ausgerüstet. Wäre das nicht auch etwas für die ON?
Um ehrlich zu sein, das haben wir schon ausprobiert und das ist ganz schön schief gegangen. Selbst wenn ich das Material geschnitten hätte, das die Kollegen die eine Kamera auf ihre Termine mitgenommen gedreht haben, wäre kein guter Film entstanden. Die Aufnahmen waren einfach zu amateurhaft. Aber wir haben es jetzt angedacht Videoschulungen für die Printjournalisten anzubieten. Andererseits muss man aber auch sehen, dass es zeitweise unmöglich ist einfach beides zu sein, Print- und Videojournalist. Schreiben und filmen geht gerade noch so, aber oft heißt es dann auch noch zu fotografieren.
Vielen Dank an Matthias Adelmund für das Interview.





Mai 25th, 2007 at 08:16
[…] Adelmund ist Leiter der Videoredaktion der Ostfriesischen Nachrichten und unterstützt im Interview diese Aussage: „Wichtig ist bei Online Videonachrichten, dass man sich möglichst kurz fasst. […]
Mai 29th, 2007 at 11:57
[…] Die andere Methode ist die des multimedialen Storytellings durch Integration und Verknüpfung des Videos mit anderen medialen Elementen. Das heißt, ein Video-Beitrag wird multimedial mit anderen Elementen wie Texte, Animationen, Grafiken oder Fotos verbunden. Damit nutzt man die Stärken der Einzelmedien, grenzt ihre Schwächen aus und schnürt somit ein multimediales Paket zur optimalen User-Nutzung. Die Verwendung von Videos in einem solchen Beitrag hilft, ein Thema umfassend abzudecken. Im Optimalfall präsentiert der Text die wichtigsten Fakten und hilft dem User einen Überblick über die Nachricht zu bekommen. „Man kann mit bewegten Bildern viel mehr rüberbringen als durch reine Texte. Atmosphäre schaffen, Stimmungen, Gefühle und Mimiken. In einem Text steht das Zitat nur irgendwie kommentarlos da. In einem Interview mit Video sehe ich wie eine Person reagiert, kann aus ihrer Mimik lesen“, so Matthias Adelmund im Interview. […]
Mai 29th, 2007 at 18:25
[…] Interview mit Matthias Adelmund, Videoredakteur der Ostfriesischen Nachrichten Interview mit Barbara Bitzl, Online-Readteurin bei der Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen […]