Urinstinkt im modernen Web 2.0 - Viral Videos

Geweih sxc.hu

Nur schauen reicht nicht. Der seit der Steinzeit bekannte Jäger- und Sammler-Trieb des Menschen macht auch im Internet nicht halt. Online Videos jagen und sammeln gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen des modernen Homo Sapiens. Man jagt auf YouTube & Co und schleppt die Beute in den eigenen Blog oder zieht sie auf die Festplatte. Viral Videos heißt der Fachbegriff für dieses Phänomen. Also Videos, die sich wie Viren verbreiten lassen. Was mit Sammeln und Teilen von lustigen Homevideos angefangen hat, findet auch im Online-Journalismus Nutzen. Die Zukunft des Video-Nachrichten-Content liegt in Code-Schnipseln gebettet.

Als eine der ersten Nachrichten-Sites hat seit ein paar Wochen das Wall-Street-Journal seinen Video-Content teilbar gemacht. Alle hauseigenen produzierten Video-Inhalten können durch copy-paste des Video-Codes ins eigene Blog eingebaut werden. Mit in Kauf muss allerdings auch die eingebettete Werbung genommen werden. Roman Mischl resümiert auf onlinejournalismus.de dazu:

Der Vorteil liegt auf der Hand: Die Werbung, die mit den Videos verbunden ist, wird auf diesem Weg viel breiter gestreut, was die Einnahmen für das WSJ steigen lässt.
Nachteil: Für Werbetreibende ist immer auch der Kontext wichtig, in denen ihre Werbespots erscheinen. Dieser Kontext wird nicht nur durch das Video selbst bestimmt, sondern auch durch die Websites, in die das Video eingebunden wird.

Mit ein Problem in diesem Kontext ist: Man kann durch die unterschiedlichen Verbreitungswege nur noch auf der Ursprungswebsite Daten erheben, z.B. wie oft ein Video angeklickt wurde. Helfen können dabei aber Viral Video Charts, die zum Beispiel Technorati-API auswerten und Konversationen zum Video anzeigen. Viral Chart verspricht sogar Videoaufrufe auf verschiedensten Seiten zu erfassen. (via gugelproductions)

YouTube verdankt seinen Erfolg solchen viral Videos, die sich losgelöst von einer einzigen Plattform auf unterschiedlichsten Websites verbreitet haben. Virales Marketing ist der wirtschaftliche Ausdruck dahinter, also eine Marketingform die existierende soziale Netzwerke ausnutzt, um Aufmerksamkeit auf Marken, Produkte oder Kampagnen zu lenken. Eine ähnliche Entwicklung kann auch auf Nachrichten-Websites erfolgen. Auf dem Kongress der Mainzer Tage der Fernsehkritik hat Robert Ammlung, Leiter der Hauptredaktion Neue Medien angekündigt, dass man derzeit daran plant ZDF eigene Produktionen an denen man alle Rechte besitzt, auch als Viral Videos anzubieten. Sprich ZDF-Inhalte zum Einbinden für die eigenen Sites.

Die Marke stärken und neu etablieren

Loslösen von alten Strukturen heißt gleichzeitig loslösen von festen Bindungen. Feste Bindungen mit dem Muttermedium, aber nicht mit der Marke. Entscheidend ist in Zukunft nicht mehr, wo etwas liegt, sondern wer es gemacht hat. Die Marke eines Medienkonzerns rückt damit immer mehr in den Vordergrund. Die Inhalte werden nicht mehr nur dadurch definiert, wo man sie gefunden hat, sondern durch den Inhalt des Inhaltes selbst. Es heißt dann für das Beispiel ZDF nicht mehr: “Hast du beim ZDF das und das gesehen.” Sondern “Hast du DAS vom ZDF” gesehen. Medienmarken müssen daher neu gestärkt und etabliert werden.

Durch den Einstieg der BBC bei YouTube hat der britische Medien-Riese es schon vorgemacht. Die Welt des viralen Videos liegt weder auf geschlossenen Medienseiten, noch auf YouTube. Die Welt des viralen Videos ist schlicht das Video allein. Reduziert auf das Wesentliche – den Inhalt. Bis der Web 2.0 Homo Sapiens aber legal und ohne Qualitätsverlust alle seine Jagd-Trophäen in seiner www.höhle.de präsentieren kann, müssen vorher noch einige Urheberrechts- und Copyright-Verstöße geregelt werden.

In eigener Sache…
… und um noch einmal auf den Steinzeit-Duktus zurück zukommen: Auch ich bin meinen Ur-Instinkten gefolgt und war auf der Jagd. Auf der Jagd nach Videocontent für Websehen. Auf der Unterseite Videothek als auch in der Sidebar (wenn alle Bugs entfernt sind) sind ab sofort alle gesammelten Videos zum Thema zu finden. Die Liste wird natürlich erweitert.

Ein Kommentar bei “Urinstinkt im modernen Web 2.0 - Viral Videos”

  1. Ich denke, dass es für den Erfolg der eigegen Videos wichtig ist, dass der Video-Code per copy-paste ganz einfach und schnell übernommen werden kann - Niederschwelligkeit ist in dem Zusammenhang mein neues, nun schon öfters verwendetes Lieblingswort ;)

    Ich finde Roman Mischls Zusammenfassung zu Vor- und Nachteilen sehr auf den Punkt gebracht. Insgesamt aber denke ich, dass der Nutzen aus der Verbreitung für den Anbieter größer ist als seine Angst, auf irgendwelchen “dubiosen” Websites zu landen, sein sollte.

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