Fernsehen im digitalen Wettbewerb
Poppig orange, alteingesessen grau. Die Farben des ZDF strahlen von jeder Mappe der anwesenden Journalisten, Medienwissenschaftler und Experten der 40. Mainzer Tage der Fernsehkritik. Eine widersprüchliche Farbkombination, die aber genau den Kern der Diskussionsrunden des Tages trifft: Man will modern sein. Man kann aber noch nicht richtig aus den traditionellen Strukturen raus. Zumindest die Öffentlich-rechtlichen. Andere Formate glänzen da sogar schon mit eigenen Videoproduktionen. Aber immer der Reihe nach. Hier geht’s zum ganzen Bericht über „Öffentlichkeit im Wandel - Fernsehen im digitalen Wettbewerb.“

- Markus Schächter
Am Morgen begrüßte ZDF-Intendant Markus Schächter das Publikum mit Internet-affinen Versprechen: Bis zur IFA im September will er 50 Prozent des ZDF-Angebotes online abrufbar machen. 24 Stunden am Tag. Das ZDF soll mit dabei sein beim zeitsouveränen Abruffernsehen, wie er es nennt. Das Wichtigste bleibt aber, dass die Programmqualität an sich nicht leidet und die Marke ZDF mehr denn je das Qualitätsfähnchen hochhält. Dazu zählen laut
Schächter vor allem große Dokumentationen oder Reportagen, auf die man als öffentlich-rechtlicher Anbieter besonders stolz ist. Genau hier liegt aber auch der Knackpunkt für die Online-Verwendung. Denn die Rechte der Beiträge liegen oft nicht allein beim ZDF und so kann man auch nicht einfach damit online gehen, obwohl die Beiträge unter der eigenen Marke laufen. Man will aber mitmachen. Rechte kaufen. „Wir sind bereit Geld zu zahlen, aber nicht jeden Preis“, ergänzt Robert Ammlung, Leiter Hauptredaktion Neue Medien. Schächter unterstreicht das mit dem Statement: „Ich glaube, dass es im grenzenlosen Web auch Grenzen gibt.“

- Jochen Wegner
Einer, der das Ganze schon beeindruckend umgesetzt hat, ist Jochen Wegner mit focus online. Hier experimentiert man derzeit wie auf der Online-Spielwiese mit Bewegtbildern aus Eigenproduktionen und Agenturmaterial und entwickelt neue Internet-Videoformate. Wegener stellt in seiner Präsentation 15 Ideen zu Online-Videos vor. Die Kernthesen daraus: User werden Videos so vielfältig einsetzen wie derzeit Texte. Online-Videoformate diffundieren zwangsläufig in traditionelle Medien. Es gibt eine neue Grenze zwischen synchronen und asynchronen Formaten und die Videoplattform der Zukunft ist kein Sender, sondern ein Service. Wegener selbst nutzt schon längst einen Festplattenrekorder und schaut seine Nachrichten nicht, wenn die Nachrichten ausgestrahlt werden, sondern wenn er selbst Zeit dafür hat.
Die Zuschauer senden zurück
Also, es wird mehr Interaktivität von den Online-Usern gefordert und mehr Flexibilität von den Medienmachern. So der allgemeine Konsens. Das fordere gleichzeitig aber auch viel mehr Übersichtlichkeit und Auffindbarkeit in der massenmedialen Öffentlichkeit, meint zumindest Professor Otfried Jarren vom Institut für Publizistikwissenschaft Zürich. Wobei er noch skeptisch gegenüber dem Websehen-Trend ist, denn eigentlich war man ja schon mal so euphorisch.
“Sie erinnern sich: Allein mit der Einführung des Kabelfernsehens sollte die Nutzung von zahllosen Programmen in den Haushalten üblich werden, auch von Rückkanälen und vielfältigen Formen der Interaktivität war die Rede. Was übrig blieb: Zwar kann jeder von uns wesentlich mehr Programme empfangen, aber ist das bekannte wie genutzte Kanalrepertoire noch immer bescheiden, von Interaktivität ganz zu schweigen.”
Gesellschaftskritisch hat der Professor recht. Technisch sprechen die vorgestellten Statistiken über steigende Internetnutzung, steigende Online-Videonutzung und die rasante Verbreitung von DSL-Anschlüssen dagegen. Das sehen auch Vertreter der Printmedien so und rüsten auf. Das Handelsblatt, das vor allem mit dem elektrischen Reporter schon große online-journalistische Sprünge gemacht hat, plant ein eigenes Vodcast-Studio. Spiegel Online beschäftigt derzeit schon acht Videoredakteure allein für Online-Videos. Ein Vertreter des Axel-Springer-Verlags spricht von Video-Pflicht. Ein Video soll in einem Online-Artikel bald wie ein Foto gehandhabt werden - es sollte einfach nicht mehr fehlen. Spiegel-Online-Chef Mathias Müller von Blumencron bremst die Euphorie aber auch wieder ein. Bei der Riesenauswahl, die man hat, online Nachrichten zu machen, bleibe die Frage: “Wofür setzt man was ein? Video machen, nur weil man Video machen kann?”
Schaut man in die Gesichter einiger älterer Tagungsbesucher, die während des Tages offensichtlich zum ersten Mal einen Blick auf Clips von YouTube oderSevenload werfen, bleibt die Antwort ein klares Nein. Mein persönliches Fazit lautet: Genau da liegt die Herausforderung für den Online-Journalismus. Zu viele boulevardeske oder einfach grottig schlechte Homevideos tummeln sich im Web. Der ungeübte User vermisst schmerzlich Qualität und Orientierung, die er doch aus dem Fernsehen gewohnt ist. Aber gerade da sollte man nicht resignieren. Umso mehr solche Videos den Markt überschwemmen, desto mehr muss journalistisch anspruchsvoller Video-Content Online gehen.
Bildquelle: ZDF
zum Videostream der Konferenz





Genau der Schluß den du ziehst, ist, denke ich, der Knackpunkt in der Debatte. Will der User überhaupt Videos in Fernseh-Qualität im Web. Dann könnte er ja auch fernsehen. Wozu dann das Web? Es gibt viele (auch wenn das jetzt pure Polemik ist, hab keine Quellen zur Hand, mit denen ich das “viele” belegen kann) die der Ansicht sind, das YouTube & Co nur deshalb so erfolgreich sind, weil die Videos dort authentisch sind. Weil sie zwar verwackelt sind, unscharf und vom Ton nicht optimal, aber dafür nah dran. Sie sind “echt”.
Es gibt bereits Agenturen, die sich darauf spezialisieren, Werbe-Videos in dieser Qualität zu drehen, um sie den Usern unterzujubeln und so einer Marke mehr Authentizität zu verleihen. War ja auch schon Thema beim PR-Tag.
Die meisten großen Medien-Anbieter wollen ja so dringend Videos, weil sie den Erfolg von YouTube sehen und den neuen “Trend” nicht verschlafen möchten. Wenn sie sich dabei aber am TV orientieren, gehen sie, wie ich denke, den falschen Weg. Und auch den teureren.
Der User hat mMn genug von gekünstelten, zurechtgebogenen, “theater-esken” Formaten im Fernsehen. Damit lässt er sich Online nicht (lange) ködern.
Gute journalsitische Qualität heißt ja nicht automatisch, dass es so aussehen muss wie im Fernsehen. Im Gegenteil. Die Qualität von Videobeiträgen Online zeichnet sich durch andere Kriterien aus, z.B. in der Aufbereitung: Interaktivität und Navigation, individuelle Verknüpfungen, angepasst an das aktive Lean-forward-Verhalten des Nutzers sind wichtiger als Bilder mit höchster Auflösung. Das wichtigste Kriterium bliebt der Inhalt. Auch der muss User-gerecht ausgesucht und vermittelt werden.
Der Berg kreist und gebar eine Maus. Das fällt mir zur Beschäftigung der öffentlich-rechtlichen Sender mit Internet-TV ein. Dass sie da mitmachen müssen, ist klar. Dass sie - und die grossen Verlage - sich dort alleine tümmeln werden, ist dagegen nicht klar. Das Internet hat immer schon ganz andere, ungeplante und neue Aktivitäten ermöglicht, das wird erst recht für die Zukunft der konvergenten Medien gelten. Man mag sich heute angesichts des loser generated content sowie des user stolen content von Youtube und co. froh zu reden versuchen, aber die neuen Ansätze werden sich durchsetzen. Dinosaurier waren noch zu keiner Zeit die Speerspitze der Innovation.
Vielleicht sollten sich die Herren einmal fragen ob es im Internet überhaupt ein ZDF, eine ARD oder einen MDR braucht.
Die Affinitäten der User im Internet gilt entweder den Themen, der Plattform oder dem Format aber keines Falls einem Sender der alles unter seinem Hut vereint.
Klar braucht es die auch im Netz! Nennen wir es Bürokratie oder Gewissenhaftigkeit, sie hinken den Trends zwar hinterher, aber gerade wegen der Affinität des Users zu den Themen, findet man doch teilweise gerade dort qualitativ hochwertige Fundstücke.
Die Inhalte ja die Marke nein. Im Internet versteht sowieso keiner was einen unter ARD.de erwartet? Nachrichten? Marienhof? Tatort? Niemand braucht ard.de/zdf.de … das Geld kann man schön in verschiedenen Themenspezifische Projekte stecken, die die Inhalte viel besser und zeilgenauer transportieren können als es die “Bündelangebote” momentan leisten. Warum krampfhaft versuchen z.B. die ZDF-Mediathek in den Onlineauftritt zu integrieren? Warum werden die Inhalte nicht einfach lizenziert und dort platziert wo sie abgerufen werden?
Das stimmt. Gerade bei Unterteilung der ARD von den Online-Seiten BR,NDR,WDR und wie sie alle heißen ist es sinnfrei, x-mal Ratgeber Seiten à la “Was tun bei Heuschnupfen” zu produzieren, das könnte man sicher besser bündeln. Andererseits hat jeder aber auch wieder seinen regionalen Schwerpunkt. Zur Mediathek vom ZDF: Auf dem Kongress hat Robert Ammlung, Leiter der Hauptredaktion Neue Medien angekündigt, dass man derzeit daran plant ZDF eigene Produktionen an denen man alle Rechte besitzt auch als sharing-content anzubieten. Sprich ZDF-Inhalte zum Einbinden für die eigenen Sites.
Hmm, stimme Bertram zu. Mit beispielsweise ZDF.de wird nur versucht eine Marke im Web aufrechtzuerhalten, die den User gar nicht mehr interessiert.
Der Jugend gehört das Web - die Jugend interessiert sich aber nicht für Öffentlich-Rechtliches Fernsehen.
Wenn es Themen-Sites gäbe, würde man vermutlich viel mehr Leute anlocken als durch Portal-Sites. Welcher Jugendliche lässt sich denn zum stöbern auf zdf.de animieren, wenn er als Alternative Youtube etc. kennt.
Wohingegen Wissenssendungen ala Quarks&Co. problemlos auch Jugendliche interessieren könn(t)en, wenn die wüssten dass sie dazu auf die Website von nem grau verstaubten Dritten müssen.
Mrz 28th, 2007 at 20:04
[…] erste längere Eintrag von Julia Schmid über die jüngste Debatte über Online-Video-Strategien in Mainz […]
Mrz 28th, 2007 at 22:53
[…] analysieren und selbst ausprobieren. Klingt vielversprechend, lesenswert ist momentan v.a. ihr Bericht zu den Mainzer Tagen der Fernsehkritik. [entdeckt bei […]
Mrz 29th, 2007 at 23:36
[…] Bei bei Onlinejournalismus.de gesehen, hier entsteht ein interessantes Weblog, das sich mit Websehen beschäftigt, lohnt sich. Ein öffentlich-rechtliches YouTube muss her “In der […]
Mrz 31st, 2007 at 08:28
[…] der Fernsehkritik diskutieren die Großen der Branche über die Zukunft des Fernsehens. Lesen. Angeklagt: Auch aus Deutschland werden Klagen gegen YouTube laut. Lesen. Ausgezahlt: Laut einer […]
Mrz 31st, 2007 at 13:52
Diplom-Blog: Websehen…
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Apr 2nd, 2007 at 18:29
[…] Eine ähnliche Entwicklung kann auch auf Nachrichten-Websites erfolgen. Auf dem Kongress der Mainzer Tage der Fernsehkritik hat Robert Ammlung, Leiter der Hauptredaktion Neue Medien angekündigt, dass man derzeit daran […]
Nov 9th, 2007 at 11:44
[…] Neue Medien in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Auch bereits auf den 40. Mainzer Tagen der Fernsehkritik gab man sich wwweltoffen. Soviel Inhalt wie möglich wollte man damals in die eigene Mediathek […]
Mrz 31st, 2008 at 09:03
[…] In diesem Jahr steht bei den Mainzer Tagen klar das Fernsehen im Vordergrund. Um Fernsehen im digitalen Wettbewerb und welche Herausforderungen das neue Medium Internet bietet, darum ging es im letzten Jahr. Co-webseherin Julia hatte im letzten Jahr die Mainzer Tage unter die Lupe genommen … […]